In Ihrer Einleitung zum Buch zur Retrospektive schreiben Sie, dass die britischen Filme der 1940er- und 1950er-Jahre Ihnen geholfen haben, erwachsen zu werden. Was genau sprechen Sie dabei an?
Für mich persönlich war es der Film «Mandy» von Alexander Mackendrick aus dem Jahr 1952, der die Geschichte eins tauben Mädchens erzählt. Ich war etwa neun Jahre alt, als ich den Film zum ersten Mal gesehen habe. Und dabei wurde mir bewusst, dass Menschen unter Dingen leiden, die mir selbst fremd sind. Ich kannte zwar Menschen mit einer Behinderung aus meinem Umfeld, aber dieser Film hat mich in die Welt eines tauben Kindes versetzt. Und dies hat mich erschüttert, gerade auch weil der Film aus Sicht dieses Kindes erzählt wird. Zudem wurde der Film auf Augenhöhe und aus dem Blickwinkel des Kindes gedreht, was die Wirkung weiter verstärkte. Ich wurde als Zuschauer so fast zu Mandy.
Auch im Dokumentarfilm «A Diary For Timothy» von Humphrey Jennings aus dem Jahr 1945 steht ein Kind im Mittelpunkt. Mit diesem Werk haben sie die Retrospektive auch begonnen.
Ja, Timothy wurde gegen Ende des Krieges, am 19. September 1944 geboren – und damit beginnt der definierte Zeitraum des Britischen Nachkriegsfilms von 1945 bis 1960. In gewisser Weise ist «Great Expectations» eine Art Versuch, die unterschiedlichen Möglichkeiten seiner Zukunft aufzuzeigen. Als Abschluss der Retrospektive steht der Film «Peeping Tom» aus dem Jahr 1960, der eine dieser Möglichkeiten aufzeigt, indem das Kind selbst zu einem Amateurfilmer geworden ist. Zudem ist «Peeping Tom» auch die Geschichte eines Kindes, das von seinem Vater missbraucht wurde.
Welche anderen Filme oder Szenen aus diesem Zeitraum zwischen 1944 und 1960 liegen Ihnen ganz besonders am Herzen?
Zum Beispiel der Film «Hunted» des Regisseurs Charles Crichton, der übrigens 1952 in Locarno den Goldenen Leoparden gewonnen hatte. Auch hier geht es um ein Kind. Es wird in den Ruinen des zerbombten Londons Zeuge eines Mordes. Darauf nimmt der Mörder den Jungen Robbie mit auf die lange Flucht von London nach Schottland. Auf dieser Reise beginnen sie sich, zu spiegeln, so dass das Kind fast die jüngere Version von der von Dirk Bogarde gespielten Figur sein könnte. Und gleichzeitig könnte dieser die potenzielle Zukunft von Robbie sein. Diese Reise steht somit auch für die Selbstfindung und die Fragen, wer bin ich und wer sind wir als Nation?
Welche «Great Expectations», grossen Erwartungen, hatten die Menschen im Nachkriegs-Grossbritannien?
Als der Krieg vorbei war, wollten viele Britinnen und Briten die Probleme im Land genauso entschlossen angehen, wie sie zusammen mit den Alliierten Deutschland zu Fall gebracht hatten. Im Vordergrund stand dabei der Wille, die Slums von London, Glasgow oder Liverpool zu eliminieren, die soziale Ungleichheit abzuschaffen und den Rassismus zu bekämpfen. Gleichzeitig wurde in dieser Zeit unter der Labour-Regierung den NHS, das nationale Gesundheitssystem, eingeführt, was für die Geschichte des Vereinigten Königreichs ein Meilenstein darstellte. Es war auch ein Moment der Euphorie – gerade im Willen, das Land wieder aufzubauen. Es gibt einen kurzen Dokumentarfilm von 1946, «The Proud City – A Plan For London», der nicht Teil der Retrospektive ist, bei dem aber genau dieser Aufbruch im Mittelpunkt steht. Daraus stammt auch die durchaus erstaunliche Aussage, dass «The Blitz», die Angriffe der Deutschen Luftwaffe 1940/41, vielleicht sogar als Glücksfall anzusehen seien, um die Vorkriegs-Zustände mit Slums und Elend in den Städten zu eliminieren.
Sara Castagnetti, Visual Collections Team Manager im Britischen Nationalarchiv, hat in einem Blog das Filmschaffen nach dem Krieg einmal mit «Hohe Moral und das Leben am Rande der Gesellschaft» bezeichnet. Sehen Sie das auch so?
Ich würde eher sagen, es ging um niedrige Moral und ein niedriges Leben. Es war teilweise einfach trostlos und oft auch brutal. In vielen Filmen von Robert Hamer geht es zum Beispiel darum, so gemein wie möglich zueinander zu sein. Man lebt in tristen Wohnungen, viele sind völlig demoralisiert und in vielen Filmen, auch von anderen Regisseuren, werden Männer auf der Flucht dargestellt. «Hunted» habe ich schon angesprochen. Aber auch «Pool Of London» von 1951 oder «Odd Man Out» von 1947. Das ist eines der Hauptthemen vieler Filme. Ich würde sogar sagen, dass das britische Nachkriegskino mit einer gewissen Verzögerung den britischen Existentialismus aufzeigte. Es fehlte überall an Geld.
War das fehlende Geld nicht auch grosse Herausforderung für die britische Filmindustrie selbst? Kinos gingen zu, Produktionsfirmen stellten ihren Betrieb ein. Oft wird von den 1950er-Jahren von einer eigentlichen Flaute gesprochen – und gleichzeitig die 1940er Jahre als Höhepunkt im britischen Filmschaffen deklariert.
Ja, einer der bemerkenswertesten Filmhistoriker, der dies in seinem Buch «The Finest Years» von 1998 ganz besonders betonte, ist Charles Drazin. Er lehnte die 1950er Jahre regelrecht ab, um das Jahrzehnt davor zu glorifizieren. Davon halte ich nicht viel. Dasselbe Phänomen war auch in Hollywood und in anderen Ländern zu beobachten. Was das Filmschaffen angeht, bieten die die 1950er-Jahrein Grossbritannien meiner Meinung nach viel mehr Variationen und mehr grenzüberschreitende Handlungen. Man kommt 1960 nicht einfach aus heiterem Himmel zu «Peeping Tom». Es ist ein kontinuierlicher Prozess, der dorthin führt.
Haben uns diese Filme heute noch etwas zu sagen?
Ich finde, ja. Und dies auf verschiedenen Ebenen. «The Fallen Idol» von Carol Reed zum Beispiel erweist sich cinastisch wie ein klassisches Lehrbuch, das man immer und immer wieder zur Hand nehmen kann. Es ist erstaunlich, wie dieser Film die Probleme seiner Zeit erklärte – und einige dieser Probleme sind bis heute ungelöst. Oder die Thematik der Gewerkschaften, wie sie in «I’m All Right, Jack» von 1959 behandelt wird. Auch die Frage nach der Identität ist weiter da, auch wenn sich diese seither in weitere Bereiche verlagert hat. Viele der Filme sind mittlerweile Klassiker, die man sich immer wieder anschauen kann. Das habe ich nun auch in Locarno erlebt: Viele Zuschauerinnen und Zuschauer, die sich auf die Filme eingelassen haben, waren begeistert.
Mehr zu den Vorführungen im Kino Rex Bern hier. Die Retrospektive läuft auch im Stadtkino Basel und im Filmpodium Zürich.