Diversität im Schweizer Kino anders denken
Prof. Dr. Josephine Diecke, Seminar für Filmwissenschaft, Universität Zürich. © zvg

Diversität im Schweizer Kino anders denken

Josephine Diecke 19. September 2025

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Im März dieses Jahres veröffentlichte das Bundesamt für Kultur (BAK) die Ergebnisse einer Pilotstudie zum Thema «Diversity on screen of Swiss films» (siehe CB 551). Bereits 2021 hatte es eine «Studie zur Gleichstellung im Schweizer Filmschaffen» vorgelegt. Beide Initiativen kreisen um dieselbe Frage: Wie (un-)vielfältig ist das Schweizer Filmschaffen? Methodisch stützen sie sich auf quantitative Analysen, mit deren Hilfe vor allem Geschlechterverteilung und -repräsentation vor und hinter der Kamera erfasst werden sollen. Mit der jüngsten Veröffentlichung orientiert sich das BAK stark an Vorbildern aus den USA, Österreich und Deutschland.

Die Resultate liegen in Form von Zahlen, Tabellen und Visualisierungen vor und basieren überwiegend auf Einteilungen in sichtbare und sprechende Figuren in 30 Schweizer Filmen des Jahres 2024. Erfasst wurden zudem Angaben zu Alter, Herkunft, Sprache, Ehestatus und Anstellung – jedoch stets entlang einer binären Geschlechterordnung und im direkten Vergleich mit den USA. Dieser Fokus auf messbare Einheiten ist nur bedingt hilfreich, da er trotz statistischer Korrektheit zentralen Fragen keinen Platz gewährt: Warum wurden genau diese Kategorien gewählt? Wem nützt der internationale Vergleich? Und was versteht man eigentlich unter «Diversität»? Solange dieser Begriff unscharf bleibt, verengt sich Vielfalt rasch auf die scheinbar am leichtesten zu zählende Dimension: das Geschlecht. Und auch dieses bleibt meist binär. Diversität umfasst jedoch weit mehr – Zugehörigkeiten und Selbstverortungen im Hinblick auf Ethnizität, Religion, Behinderung, Sexualität, Klasse, rechtlichen Status und weitere Dimensionen sozialer Differenz. Diese Kategorien sind alle intersektional miteinander verflochten.

Mit derartigen Differenzierungen stossen rein quantitative Verfahren aber rasch an ihre Grenzen. Das Zählen mag wissenschaftlich fundiert erscheinen, aber Zahlen schaffen Distanz und oft auch Scheingenauigkeit. Der Fokus auf Indikatoren à la «wie oft» soll uns durchaus beschäftigen, ohne aber Fragen nach dem «wie» und «warum» zu verdrängen. Es geht bei Diversität nicht nur um messbare Resultate, sondern um das, was sich nicht leicht kategorisieren lässt und dennoch präsent ist. Zudem bleibt offen, wem die Kategorien letztlich nützen. Fremdzuschreibungen sind unvermeidlich, wenn Annotierende Geschlecht, Herkunft oder andere Merkmale kodieren. Doch sie sind nicht neutral. Solche Etikettierung kann marginalisierte Personen unfreiwillig exponieren und zugleich unsichtbar halten. Geschichte und Gegenwart zeigen, wie gefährlich Kategorien und Register werden können. Frei nach Konrad Lorenz: Gezählt ist noch nicht verstanden – geschweige denn einverstanden, getan oder beibehalten.

Wenn wir Diversität untersuchen, müssen wir uns deshalb von der Illusion verabschieden, es reiche, Kategorien zu zählen. Gefordert sind methodische Vielfalt und institutioneller Mut. Studien und deren Kategorien sollten von Menschen mitgestaltet werden, die nicht dem dominanten Bild weiss, cis-männlich, heteronormativ und nicht behindert entsprechen. Andernfalls reproduzieren wir Stereotype und Datenlücken immer wieder. Schliesslich ist eine Diversitätsanalyse so komplex wie die Gegenstände selbst. Wir brauchen Werkzeuge und Methoden, die dieser Komplexität gerecht werden, statt sie in veraltete, binäre Kategorien einzusperren. Aus wissenschaftlicher Perspektive und mit Blick auf digitale Methoden werden wir uns am Seminar für Filmwissenschaft der UZH dieser Aufgabe künftig gemeinsam mit Studierenden stellen, um zu einem nachhaltigen Abbau von Ungleichheiten beizutragen. Denn wie es die Filmemacherin Ava DuVernay treffend formulierte: «Sprechen wir über Diversität, geht es nicht darum, ein Kästchen anzukreuzen. Es handelt sich um eine Realität, die von uns allen tief gefühlt, stark verinnerlicht und wertgeschätzt werden sollte.»

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