Für eine starke Standortförderung
Matthias Michel über eine Stärkung des Standorts Schweiz.
Meret Ruggle 10. Januar 2025
Kurz durften wir aufatmen: Die Kinosäle haben sich in den letzten ein bis zwei Jahren wieder gefüllt, auch fragilere Filme fanden ihr Publikum. Doch kaum haben sich unsere Kinoeinnahmen nahe am prä-pandemischen Bereich stabilisiert, folgte die nächste Hiobsbotschaft: Im Mai 2024 kündete die DEZA drastische Kürzungen für sämtliche Kulturpartner und -partnerinnen an. Von den sechs Kulturinstitutionen im Bereich Film wurde dreien das Budget massiv gekürzt (Stiftung Trigon-Film, Fribourg Film Festival, Open Doors Locarno), dem Filmfonds Visions Sud Est sowie den Internationalen Kurzfilmtagen Winterthur wurde der Vertrag gar komplett gekündigt. Just zu Zeiten massiven Abbaus in die Kultur sind nun diese Kürzungen ein Schlag in die Magengegend der betroffenen Kulturinstitutionen.
Seit Jahrzehnten setzt sich die Stiftung Trigon-Film dafür ein, dass Filme aus dem globalen Süden produziert und in der Schweiz ausgewertet werden können. Trigon-Filme ermöglichen einen Blick auf Lebenswelten und Erzählweisen aus dem globalen Süden, helfen beim Perspektivenwechsel, um die Gegenwart besser verstehen und die Zukunft besser gestalten zu können. Allein über die Ticketeinnahmen lässt sich der Verleih von Filmen aus Ländern wie Lesotho, Malaysia oder Nicaragua leider nur in seltenen Fällen finanzieren, Filmförderung für diese Filme gibt es kaum, und dann schreiben wir schnell rote Zahlen. Nichtsdestotrotz ist für uns klar, dass wir weiterhin die kulturelle Vielfalt in all ihren Dimensionen bei der Filmauswahl vor den kommerziellen Aspekt stellen möchten . Das heisst: Gürtel enger schnallen, ans Publikum appellieren.
Für Visions Sud Est hingegen bedeutet dieser Entscheid das Aus nach über 20 Jahren, während derer mehr als 200 Filmproduktionen unterstützt wurden. Dies ist nicht zuletzt ein Verlust für die Schweiz auf dem internationalen Parkett. Visions Sud Est war ein einzigartiges Projekt, das sich in der weltweiten Branche enormer Beliebtheit erfreute, finanziert von der DEZA als Teil des Eidgenössischen Departements für auswärtige Angelegenheiten (EDA). Es ist aber zuallererst ein grosser Verlust für das internationale Filmschaffen im globalen Süden: Visions Sud Est konnte sehr oft fragilen Projekten eine Chance geben, die nach dieser Initialunterstützung die renommiertesten Festivals der Welt eroberten – jüngstes Erfolgsbeispiel: der indische Spielfilm «All We Imagine as Light», der in Cannes mit dem Grand Prix ausgezeichnet wurde. Mit dem Aus des Filmfonds wird auch der niederschwellige Zugang von Filmschaffenden aus den Regionen zu den fünf beteiligten Partnerinstitutionen erschwert: Trigon-film hat zahlreiche der von Visions Sud Est geförderten Filme im Kino ausgewertet, die Festivals luden die Filmschaffenden zu Premieren ein.
Warum soll sich die Schweiz einsetzen, dass auch Filme aus dem globalen Süden bei uns verfügbar sind? Weil die Zukunft multikulturell ist und wir gemeinsame Herausforderungen nur gemeinsam angehen können. Es besteht weitgehend Einigkeit darüber, dass wir zukünftig ein deutlich höheres Niveau an internationaler Zusammenarbeit erreichen müssen, um Weltprobleme zu bewältigen. Oscarpreisträger Alfonso Cuarón appellierte am Filmfestival Locarno an den Bundesrat: «Diese Kulturförderung ist wichtig für die Welt des Films, und sie unterscheidet die Schweiz von anderen Ländern». Nun müssen wir neue Lösungen zur Finanzierung suchen, wenn wir nicht auf eine komplett kommerzialisierte Zukunft zusteuern wollen und Kino neben Unterhaltung weiterhin auch kulturelle Vielfalt bieten soll.
In Zeiten, in denen die Demokratie grossen Gefahren ausgesetzt ist, sollte die Schweiz mit ihrer humanitären Tradition ein Zeichen setzen und Institutionen wie Visions Sud Est fördern, statt abschaffen. Sie ermöglichen künstlerische Freiheit und demokratische Stimmen in Ländern, wo dies systematisch erschwert ist. Kultur bringt die Menschen zusammen, und das brauchen wir heute mehr denn je.
Von Meret Ruggle, Co-Geschäftsleiterin Trigon-Film; Vorstandsmitglied von Visions Sud Est sowie der Internationalen Kurzfilmtage Winterthur.