In der Schweiz gab und gibt es keine spezielle Förderung für Kinder- oder Familienfilme, wie es in vielen anderen europäischen Ländern seit langem der Fall ist. Auch hierzulande wäre jedoch eine breitere Produktion von Kinderfilmen dringend nötig, wenn die Schweizer Filmbranche sich auch in Zukunft ein Publikum für zeitgemässe, diverse Schweizer Filme im Kino und in anderen audiovisuellen Medien wünscht.
Mit dem Programm «Stoffentwicklung Kinderfilm» hat die Stiftung Kulturfonds Suissimage 2019 auf diese Situation reagiert. Inspiriert von den positiven Erfahrungen in nordeuropäischen Ländern, machte der Kulturfonds zwischen 2019 und 2023 den Anfang, und richtete eine Förderung ein, die Autor_innen darin unterstützte, Originalstoffe für Kinder bis zu 12 Jahren zu entwickeln. Das Förderbudget betrug maximal CHF 200 000 pro Jahr.
Die niederschwellige Förderung unterstützte Autor_innen finanziell bei der Entwicklung von Treatments und Drehbüchern, begleitet von dramaturgischer Beratung durch internationale Kinderfilmexpert_innen. Da das spezifische Know-how zu Kinder- und Familienfilmen in der Schweiz noch wenig verbreitet ist, liess sich auch die Kulturkommission bei der Auswahl der Projekte von einem auf Kinderfilme spezialisierten Dramaturgen aus dem Ausland beraten.
Die Förderung des Kulturfonds im Detail
Resonanz: Zwischen Herbst 2019 und Oktober 2023 sind 58 Gesuche für lange Filmprojekte (>60 Minuten) eingegangen. Der Kulturfonds Suissimage hat die Entwicklung von 19 Kinderfilmen mit Beträgen zwischen 15 000 und 25 000 CHF gefördert.
Die Gesamtsumme der Förderung betrug über vier Jahre 396 000 CHF.
Bei den Antragsstellenden handelt es sich um professionelle Autor_innen, von denen die meisten auch Regie führen. 13 der Autor_innen hatten schon Erfahrung mit Projekten für Kinder, für 6 war der geförderte Stoff die erste Arbeit in diesem Bereich. Bei 10 Projekten bestand zum Zeitpunkt der Umfrage ein Vertrag mit einer Produktionsfirma, 2 davon waren internationale Koproduktionen, 4 waren in Verhandlung und bei 2 Projekten war noch kein Vertrag vorhanden. 3 weitere Projekte wurden erst nach der Umfrage behandelt.
Sprachregionen: Von den Projekten sind elf in deutscher, sechs in französischer, eines in italienischer und französischer und eines in englischer Sprache.
Genres: Bei den 19 Projekten handelt es sich um 12 fiktionale Live-Action-Filme, 4 fiktionale Animationsfilme, 2 Animations-Serien, und 1 Dokumentarfilm.
5 der 6 Projekte aus der Romandie sind Animationsfilme, 1 davon eine dokumentarische Animationsserie. Das spiegelt die historisch gewachsenen Unterschiede: Im französisch- und italienischsprachigen Raum werden für das jüngste Publikum hauptsächlich Animationsfilme produziert. Dementsprechend kommen in der Westschweiz für Kinder vor allem Animationsfilme in die Kinos und Medien. Im deutschsprachigen Raum ist es umgekehrt - es entstehen fast nur Live-Action-Filme und –Serien.
Gender: Von den Autor_innen sind 13 männlich und 11 weiblich. 5 Projekte werden in Ko-Autorenschaft von einem «gemischten Doppel» entwickelt.
Stand der Projekte bei Einreichung und zum Zeitpunkt der Umfrage: 11 Projekte wurden mit einem Exposé eingereicht, 7 mit einem Treatment und 1 bereits in Drehbuchform. 11 Projekte haben noch weitere Unterstützung erhalten. Zum Zeitpunkt der Umfrage lagen 11 Projekte in Form einer Drehbuchfassung vor, 5 in Form eines weiterentwickelten Treatments.
3 weitere Projekte wurden erst nach der Umfrage behandelt.
Die Resultate der Auswertung
Im April 2023 hat der Kulturfonds das Programm evaluiert und die Autor_innen mit einem schriftlichen anonymisierten Fragebogen nach der Entwicklung ihrer Projekte, ihrer Einschätzung des Programms und der generellen Fördersituation für Kinderfilm in der Schweiz befragt. Alle 16 angeschriebenen Teams haben geantwortet.
Die interne Auswertung zeigt den grossen Bedarf der Branche an Unterstützung für originäre Kinder-Geschichten und gibt Hinweise darauf, welchen Schwierigkeiten Projekte für ein junges Zielpublikum in der Schweizer Förderlandschaft begegnen.
Einschätzung der Förderung von Kinderfilmen in der Schweiz: Die Fördermöglichkeiten in der Schweiz wurden von 4 Beteiligten als schlecht, von 7 als schwierig und nur von 2 Beteiligten als ausreichend eingeschätzt. 3 Autor_innen haben sich wegen mangelnder Erfahrung mit Förderung von Kinderfilmprojekten nicht geäussert.
Um die durchschnittlich mindestens drei Jahre dauernde Arbeit der Drehbuch- und Projektentwicklung finanzieren zu können, brauche es weitere Förderungen. 7 der Befragten waren mit ihren Projekten noch nicht so weit, um Gesuche zu stellen. 9 hatten eine oder mehrere Finanzierungen erhalten; durch BAK (5), MEDIA Desk Schweiz (3), Filmstiftung Zürich (4), Cinéforom (2), andere regionale Förderungen (3), SRG (1), RTS (1), RSI (1). Eine Autorin hatte ein Atelierstipendium im Tessin erhalten.
Als Hauptproblem sehen 11 der geförderten Autor_innen, dass originäre Kinderfilme in der Schweizer Förderlandschaft auf wenig Akzeptanz und geringe Kompetenz bei den Entscheidungsträger_innen stossen. Insbesondere in der Herstellungs-Förderung, wo es um grosse Beträge geht, stehen Kinderfilme, sofern sie nicht auf Bestsellern beruhen, in Konkurrenz zu Arthouse-Projekten aller Art und für ein breites Spektrum an Zielgruppen. Der von fast Allen genannte Verbesserungsvorschlag ist es denn auch, für Kinderfilmprojekte spezielle Kontingente zu reservieren, die sich z.B. am prozentualen Anteil von Kindern in der Schweizer Bevölkerung orientieren.
In diesem Zusammenhang wird ebenso häufig genannt, dass es in der Schweiz an Respekt für das junge Publikum fehle, insbesondere im Vergleich zu Ländern, wo Kinderfilme und -Kultur in aller Diversität ein selbstverständlicher Teil des kulturellen Lebens sind, auf das Kinder sogar ein Recht haben.
Animationsfilmschaffende haben es gemäss eigener Aussagen dieser Befragung etwas leichter, Kinder-Projekte finanziert zu bekommen – sofern es sich um die Entwicklung oder um Kurzfilme handelt, was sich auch in der Behandlung von Animationsfilmen bei den Schweizer Filmpreisen widerspiegele.
Ein weiterer viel genannter Punkt ist das geringe Know-how der Gremien und der Filmschaffenden selber sowie der Auswertung, da in der Schweiz bisher wenige originäre Kinderfilme entstehen.
Bedeutung der Förderung durch den Kulturfonds Suissimage für die Projekte: Sämtliche Autor_innen haben, wenig überraschend, die Förderung durch den Kulturfonds als sehr positiv bewertet, die für viele den Anstoss für weitere Finanzierungen gegeben hat. Ebenfalls sehr positiv wurde die obligatorische Beratung und Begleitung durch externe Expert_innen angemerkt.
Einschätzung der dramaturgischen Beratung: Die dramaturgische Expertise und Begleitung wurde von den in der Umfrage berücksichtigen 16 Projekt-Autor_innen als wertvoll und positiv eingeschätzt. 12 davon wurden von dem auf Kinderfilm spezialisierten Dramaturgen von Suissimage durchgeführt. 2 Dramaturg_innen standen schon fest und 2 weitere wurden im Lauf der Entwicklung gefunden.
Der Wunsch der Geförderten ist also generell ein gezielter Ausbau einer spezifischen und informierten Kinderfilmförderung und damit auch die Möglichkeit, durch Erfahrung zu lernen. Der Kulturfonds appelliert daher an die Institutionen der Filmförderung, die Entwicklung und Produktion originärer Schweizer Filme und Serien für ein junges Publikum gezielt zu stärken.
Ende des Programms: Da die selektiven Förderprogramme der Kulturstiftung zeitlich begrenzt sind, hat die Kulturstiftung beschlossen, das Programm zu beenden. Dafür wird sie aber einen Wettbewerb für Kinderfilme lancieren, welcher im Jahr 2025 bekannt gegeben wird.