Reflektiert und sinnlich, anspruchsvoll und ästhetisch
Denise Fernandes © Alberto Ugato
releve

Reflektiert und sinnlich, anspruchsvoll und ästhetisch

Silvia Posavec 29. Juli 2024

Denise Fernandes gehört zu einer neuen Generation von Filmschaffenden, die selbstbewusst neue Narrative in ihren Filmen entwickeln und zur Emanzipation der migrantischen Erfahrung beitragen. Ihr erster Langspielfilm läuft in Locarno bei Cineasti del Presente.

copy linkshare facebookshare linkedinshare instagram

Manchmal führen einen auch vermeintliche Umwege im Leben direkt ans Ziel. Ein Blick auf den Werdegang der Filmemacherin Denise Fernandes (*1990) bestätigt dies auf erfrischende Weise. Als Tochter kapverdischer Eltern wuchs sie in Locarno auf und wusste schon früh, dass sie Regisseurin werden will. Von 2008 bis 2011 studierte sie Film am Conservatorio Internazionale di Scienze Audiovisive (CISA) in Lugano und setzte ihre Ausbildung im fernen Kuba, an der Internationalen Hochschule für Film und Fernsehen, fort – und das in einer Zeit vor der schrittweisen Öffnung des Landes gegenüber dem Westen. Fernandes beschreibt ihre Studienzeit auf dem karibischen Inselstaat als eine Art surreale Blase, die ihren filmischen Blick und ihre Vorlieb für Narrative, die nicht in der Realität verankert sind, stark geprägt hat.

Diese Entwicklung lässt sich an ihren ersten drei Kurzfilmen nachvollziehen. Während sich die Protagonistinnen in ihrem noch im Tessin realisiertem kurzen Episodenfilm «Una Notte» (2011) progressiv und emanzipatorisch mit den grossen und kleinen Fragen des Lebens beschäftigen, erzählt Fernandes in «Pan sin Mermelada» (2012) von zwei kleinen Schwestern und ihrem kindlichen Umgang mit der Vergänglichkeit. Ihr dritter Kurzfilm «Idyllium» (2013) ist eine von der Realität entrückte und poetische Annäherung an den Zustand des Erwachsenwerdens selbst. Durch Fernandes' Hinwendung zum Fantastischen zeigt sich auch ihre Sensibilität für die Darstellung der Natur sowie ihr Sinn für reduzierte doch reizvollen Bildkompositionen. Bei ihrer Rückkehr in die Schweiz 2014 traf sie eine noch wenig diversifizierte Filmszene an. Auf der Suche nach ihrer eigenen Stimme als Filmemacherin, zog sie für ein Praktikum in einer Produktionsfirma nach Paris, während dem sie auf aufstrebende franko-afrikanische Filmschaffende wie Ramata-Toulaye Sy («Banel & Adama») traf. Diese Erfahrung bestärkte Fernandes darin, ihren eigenen Weg zu gehen.

« Hanami » © Alina Film
«Hanami» © Alina Film
« Hanami », Denise Fernandes © Alina Film
«Hanami» © Alina Film
« Hanami » © Alina Film
«Hanami» © Alina Film

Sie zog in ihre Geburtsstadt Lissabon, um an neuen Projekten zu arbeiten. 2020 realisierte sie «Nha Mila» (2020), einen Kurzfilm, der eine erste Annäherung an ihre kapverdische Herkunft darstellte. Er handelt von der geplanten Rückkehr einer kapverdischen Frau in ihre Heimat und der emotionalen Kluft, die sich nach langer Abwesenheit einstellt. Noch davor fing sie an, am Drehbuch für ihren ersten langen Spielfilm «Hanami» zu schreiben. Fernandes geht hier einen Schritt weiter und nimmt die Perspektive eines auf Kap Verde zurückbleibenden kleinen Mädchens ein, das während ihres Aufwachsens eine innige Beziehung zu Natur und Menschen der Insel aufbaut.

Nach dem Unterschied zwischen der Umsetzung eines kurzen gegenüber einem langen Spielfilm gefragt, findet Fernandes ein stimmiges Bild: Ein Kurzfilm lasse sich mit einer Hand greifen, während es für einen Spielfilm mehrerer Hände bedürfe, um das Projekt zu stemmen. Eine dieser helfenden Hände ist der Ko-Produzent David Epiney von Alina Film. Für ihn war die Zusammenarbeit eine fantastische Reise in ein für viele unbekanntes Land. Epiney sieht eine seiner Aufgaben als Produzent darin, das Projekt zu schützen und den Filmemachern einen sicheren Raum für die Verwirklichung ihrer Visionen zu bieten.

Herausgekommen ist ein bemerkenswerter Debütfilm, in dem alle Einflüsse, denen die Regisseurin ausgesetzt war, zum Ausdruck kommen: Es ist eine kritische Auseinandersetzung mit einer sich in ständiger (Re-)Migration befindenden Gesellschaft und ebenso eine heimliche Entdeckungsreise der Vulkaninsel jenseits plakativer Bildwelten. Durch die Hauptfigur Nana wird eine nahbare Geschichte übers Erwachsenwerden erzählt, in der Fernandes immer auch Raum für sinnliche Zugänge bereitstellt. Im vollen Bewusstsein des normativen Potenzials ihrer Arbeit, übernimmt Fernandes selbstbewusst die Verantwortung für das Bild, das sie von Kap Verde zeichnet, ohne es ihrem Publikum aufzuzwingen. Dieses Potenzial hat auch das Programmteam des Locarno Film Festival 2024 überzeugt, «Hanami» wird seine Weltpremiere im renomierten Concorso Cineasti del Presente feiern.

Lesen Sie auch