Was sofort auffällt: Im vollen Saal des Cafés, in dem das Treffen stattfand, waren fast nur Frauen anwesend. Das ist kein seltenes Phänomen. Geht es um Frauen, interessieren sich vor allem Frauen dafür. Letztens in Graz ging es um mehr Sichtbarkeit von Filmen von Frauen auf Festivals. Auf dem Podium waren nur Frauen vertreten, im Publikum auch. Da ist der Filmsektor auch keine Ausnahme.
Die Gespräche müssen weiter stattfinden, es gilt aber über den Charakter von «Selbsthilfe»-Gruppen hinwegzukommen, um tatsächlich etwas erreichen zu können. Der Weg ist noch lang. Das hat auch die Diskussion, die SWAN unter dem Titel «Schutz der Opfer von geschlechtsbasierter Belästigung und Übergriffen in der Schweizer Audiovisionsindustrie» organisiert hat, bestätigt.
Was will das Opfer?
Anwesend waren die Juristin und Präsidentin von Suissimage Anna Mäder-Garamvölgyi sowie die Produzentin Anita Wasser von Turnus Film. Es ist schwer, ein klares Fazit aus dem Gespräch herauszuschälen. Vielmehr zeigte sich einmal mehr, wie komplex die Situation ist. Alles hängt davon ab, was das Opfer von sexueller Belästigung als Massnahme gegen den angreifenden Part erwartet und wünscht. Möchte das Opfer nicht an die Öffentlichkeit damit gehen oder selbst innerhalb des Arbeitsverhältnisses anonym bleiben, läuft es zwangsläufig darauf hinaus, dass der Handlungsspielraum aller Beteiligten sehr unkonkret und auch sehr wenig nachhaltig ausfällt. Der Wunsch, anonym zu bleiben, hat offenkundige und verständliche Gründe. Die Angst vor beruflichem und finanziellem Schaden sind einer davon.
Im Gespräch in Locarno wurde wiederholt, dass der Wunsch des Opfers in allen Fällen zu respektieren sei. Das möchte man sicherlich auch nicht bestreiten, doch wird man sich zum Ziel setzen müssen, die Rahmenbedingungen dahingehend zu beeinflussen, dass Opfer mit weniger Angst für sich einstehen können. Es fiel dann auch während der Veranstaltung die Frage, ob unsere aktuelle Gesellschaft nicht eigentlich «Täter schütze». Es ist wichtig, dass es den Schutz eines Individuums gegen Verleumdung und falscher Beschuldigung gibt. Dennoch sehen unsere Gesetze klar vor, dass sexuelle Belästigung geahndet werden muss, sofern sie zur Anklage kommt.
Beratungsstellen
Das ist bisher aus dem Schweizer Filmsektor heraus nicht passiert, auch wenn Fälle bekannt seien. Was sich stattdessen getan hat, sind Bemühungen, Beratungs- und Anlaufstellen einzurichten. Diese können verschiedener Natur sein. Entweder bemüht sich ein Arbeitgeber, zum Beispiel eine Produktionsfirma, um eine interne Lösung oder die Branche einigt sich auf eine externe. Turnus Film hat vielseitige Massnahmen eingeführt. Zum einen wird in jedem Arbeitsvertrag eine Klausel stehen, die eine sofortige Kündigung ermöglicht, wenn sich die Person eines unangemessenen Verhaltens schuldig macht. Ihren Verhaltenskodex bezüglich sexueller, diskriminierender und allgemeiner Belästigung hat die Produktionsfirma an den von Netflix angelehnt. Ab jetzt herrsche eine «Null-Toleranz»-Politik im Unternehmen. Wie sich dies genau auswirken wird, werde man noch sehen müssen. Auch was passiert, wenn diese Kündigungen massiven, beispielsweise finanziellen, Einfluss auf die Produktion haben sollten.
Als zweite Massnahme haben die Mitglieder der IG Unabhängige Schweizer Produzenten Agota Lavoyer als externe Vertrauensperson verpflichten können. Betroffene können die Autorin und Expertin für sexualisierte Gewalt jederzeit erreichen und sich beraten lassen.
Es tut sich etwas im Sektor. Solche Verhaltenskodexe werden immer mehr, es finden regelmässig Arbeitstreffen zum Thema statt und eine Arbeitsgruppe, der unter anderen auch die Präsidentin von Suissimage Mäder-Garamvölgyi sowie Matthias Bücher vom Bundesamt für Kultur angehören, bemüht sich, auf Bundesebene Gehör zu verschaffen. Weiterhin ist es mangels an aussagekräftigen Erhebungen, sei es auch auf anonymer Basis, schwer, das Ausmass des Problems einzuschätzen. Es bleibt, nächste Vorstösse abzuwarten.
Was sagen die Zahlen?
Vor dem Podiumsgespräch präsentierte der künstlerische Leiter des Locarno Film Festivals Giona A. Nazzaro eine Aufstellung, die die Festivalbeteiligung nach Geschlechtern aufschlüsselte. Seit Jahren verpflichtet sich das Festival auf Initiative von SWAN diese Paritätsstatistiken offenzulegen, aber auch zu kommentieren.
Die Zahlen weisen ein Ungleichgewicht zu Gunsten einer höheren männlichen Vertretung am Festival. Für die diesjährige Ausgabe wurden von (selbst deklarierten) Frauen 27,4 Prozent der Langfilme eingereicht, von Männern 65,6 Prozent. In der Endauswahl macht der Frauenanteil bei den Langfilmen 34,9 Prozent, der Männeranteil 63,5 Prozent aus und die restlichen 1,6 Prozent beziehen sich auf geschlechtlich gemischte Regiepaare. Bei den Kurzfilmen ähneln sich die Zahlen.