«Bei einer Annahme der Halbierungsinitiative könnte  die SRG den Pacte de l’audiovisuel nicht mehr verlängern.»
Generaldirektorin der SRG Susanne Wille. © Mirjam Kluka

«Bei einer Annahme der Halbierungsinitiative könnte die SRG den Pacte de l’audiovisuel nicht mehr verlängern.»

Die Fragen stellte Adrien Kuenzy und Teresa Vena 25. Juli 2025

Die SRG durchläuft einen umfassenden Transformationsprozess. Der Beschluss des Bundesrats die Medienabgabe auf 300 Franken herunterzusetzen macht dies notwendig. Die allgemeine Veränderung der Medienlandschaft ebenfalls. Und nicht zuletzt drohen mit der «Halbierungsinitiative», die 2026 vors Volk soll, noch weitere Herausforderungen. Dies alles gebündelt hat Auswirkungen auf das Schweizer Filmschaffen. Die Generaldirektorin Susanne Wille hat unsere Fragen beantwortet.

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Susanne Wille hat im November 2024 die Nachfolge von Gilles Marchand übernommen. Die neue Generaldirektorin der SRG hat in kürzester Zeit einen Katalog von Massnahmen präsentiert, die das Schweizer Medienhaus wortwörtlich in eine neue Ära führen sollen. «Enavant» hat sie den Transformationsprozess getauft, also «nach vorne». Das ist schliesslich die einzige sinnvolle Richtung, die eingeschlagen werden kann. Die SRG ist nach dem Bundesamt für Kultur die zweitwichtigste Förderinstitution des Schweizer Filmschaffens. Mit dem Pacte de l'audiovisuel bietet sie stabile Rahmenbedingungen, 34 Millionen Franken gehen in der Periode von 2024 bis 2027 in die Koproduktionen zwischen der SRG und der Schweizer Filmbranche. Die Kosten für die SRG sind höher, da ihr Verwaltungsaufwand daraus ausgeklammert ist. In Folge des Bundesratsbeschlusses, die Medienabgabe bis 2027 auf 300 Franken zu senken, muss die SRG 270 Millionen, also 17 Prozent ihres Budgets, einsparen. Die Auswirkungen der Volksinitiative «200 Franken sind genug!» oder «Halbierungsinitiative» wären entsprechend dramatischer.

Welche Aktionsbereiche der SRG erachten Sie als Säulen ihres Angebots?

Wir erfüllen einen öffentlichen Auftrag: Mit unseren Inhalten und mit qualitativ hochwertigem und unabhängigem Journalismus möglichst viele Menschen in allen Sprachregionen in der Schweiz zu erreichen, damit diese sich eine Meinung bilden, sich gegenseitig verständigen und verstehen können. Wir erzählen Geschichten aus der Schweiz für die Schweiz.

Wieso ist die SRG Ihrer Meinung nach erneut Ziel der aktuellen politischen Initiativen ?

Die SRG gehört allen, alle finanzieren sie mit. Es gehört zu einer Demokratie, dass die Rahmenbedingungen eines öffentlichen Medienhauses immer neu verhandelt werden. Umso wichtiger ist es, dass wir als SRG transparent zeigen, wie wir arbeiten und wie wir mit den Mitteln der Medienabgabe umgehen. Klar ist aber, dass die SRG mit der Hälfte ihres Budgets ein ganz anderes Unternehmen als heute wäre: Es wäre das Ende der SRG in ihrer heutigen Form. Die Folgen dieser Initiative wären eine deutliche Schwächung der Medienvielfalt und der Medienqualität in der Schweiz sowie des Beitrags der SRG zum Zusammenhalt im Land.

Wie werden sich die Transformationspläne und bei Annahme der Volksinitiative drohenden Kürzungen auf die Verhandlungen bezüglich einer Verlängerung des Pactes auswirken?

Wir müssen hier Transformation und Initiative trennen, das scheint mir sehr wichtig.

Der Bundesrat hat entschieden, ab 2027 die Medienabgabe schrittweise auf 300 Franken zu senken. Gemeinsam mit dem Rückgang der Werbeeinnahmen und dem Wegfall des Teuerungsausgleichs bedeutet das für die SRG nach heutigen Annahmen einen Sparauftrag von rund 270 Millionen Franken pro Jahr. Gleichzeitig ändern sich nicht nur die finanziellen Rahmenbedingungen, sondern auch die Art und Weise, wie die Menschen Inhalte nutzen. Darauf müssen wir reagieren, dafür müssen wir uns bewegen. Wir haben darum Ende Juni die Eckwerte unseres unternehmensweiten Transformationsprozesses «Enavant» kommuniziert, mit dem wir diesen Entwicklungen begegnen. Dabei wollen wir zuerst in den Strukturen und Prozessen sparen, aber wir werden auch Abstriche im Angebot machen müssen und dafür auch mit Blick auf den Pacte de l’audiovisuel das Gespräch mit unseren Partnern suchen.

Schon diese Transformation ist anspruchsvoll, schliesslich geht es auf finanzieller Ebene um 17 Prozent des Budgets, die bereits beschlossene Sache sind. Die Halbierungsinitiative hätte aber viel massivere Auswirkungen. Das Budget der SRG würde halbiert, die SRG könnte den Pacte de l’audiovisuel nicht mehr verlängern.

Sind die Vereinbarungen im aktuellen Pacte de l'audiovisuel weiterhin gesichert?

Der aktuelle Pacte läuft noch bis Ende 2027, bis dann werden wir unsere Verpflichtungen erfüllen.

Was erachten Sie als die grössten Erfolge in der Zusammenarbeit mit der Schweizer Filmbranche bis zum heutigen Tag?

Der grösste Erfolg ist, dass wir seit bald dreissig Jahren diese Zusammenarbeit mit dem Pacte de l’audiovisuel regeln können. Das gibt beiden Seiten Planungssicherheit, sowohl für die Produktion als auch für die Auswertung der Koproduktionen auf all unseren Sendern und Plattformen. Es ist eine Vereinbarung auf Augenhöhe mit gegenseitigem Respekt für die eigenen Anliegen. Und es entstehen durch diese Partnerschaft neue Produktionen, die dem Publikum viel Freude bereiten.

Gibt es Genre oder Formate, die zurzeit im Schweizer Filmschaffen wenig vertreten sind und die in einer Zusammenarbeit mit der SRG zukünftig besonders hervorgehoben werden können (Genrefilme, Animationsfilm für Erwachsene, Experimentelles)?

Grundsätzlich sind wir auch für solche Genres und Formate offen, der Pacte schliesst das nicht explizit aus. Das hängt aber nicht nur von uns ab, sondern ebenfalls, wie sich diese Projekte in der Schweiz finanzieren lassen. Für die SRG ist zudem der Programmaspekt wichtig, unsere Programmverantwortlichen überlegen sich immer, wo welche Projekte gezeigt werden können.

Welche Rolle spielt die SRG bei der Ausbildung junger Filmschaffender über die direkte Beauftragung hinaus ?

Die SRG selbst bildet keine jungen Filmschaffende aus, dafür sind die Filmschulen zuständig. Wir fördern aber den Nachwuchs, in dem wir regelmässig Abschlussprojekte koproduzieren. So gibt es beispielsweise seit Jahren auch eine Zusammenarbeit mit dem Studiengang der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) Cast. Und für den Eurovision Song Contest (ESC) wurden Studierende der ZHdK und der Fachhochschule Graubünden in audiovisuelle Produktionen involviert.

In den letzten Jahren hat sich die SRG zunehmend an der Serienproduktion beteiligt. Welchen Stellenwert hat dieses Format auch in Zukunft?

Serien sind ein wichtiges Format. Sie machen nicht nur möglich, ein grösseres Publikum zu erreichen, sondern auch, die Schweiz anders zu erzählen als nur über Information. Zudem sind Serien natürlich ein wichtiges Mittel, um gerade ein junges Publikum zu erreichen, und das ist für uns eine Priorität – entsprechend hoch bleibt der Stellenwert.

“Wir sind eine SRG für alle. Wir bleiben regional verankert und nah bei den Menschen.”
Susanne Wille

Welche Rolle könnte die SRG für eine grössere internationale Reichweite von Schweizer Inhalten übernehmen?

Die SRG übernimmt hier schon heute eine wichtige Rolle. Schliesslich sorgen Koproduktionen mit anderen Ländern und Sendern bei vielen Filmen und Serien für eine internationale Reichweite: Zum Beispiel «Davos 1917», das war eine deutsch-schweizerische Koproduktion, welche nun auch auf Netflix zu sehen ist. Natürlich gibt es zahlreiche weitere Beispiele wie «Sacha» oder «Frieden», beides Arte-Koproduktionen, oder demnächst auch die zweite RSI-Serie «La linea della palma».

Im Rahmen ihres Status als öffentliches Medienhaus ist die SRG angehalten, kulturelle Inhalte zum Beispiel in Form des Schweizer Films und Kinos zu unterstützen. Wie ändert sich innerhalb der SRG vielleicht diese Gewichtung angesichts der Dominanz der privaten Onlineplattformen und dem gewandelten Konsumverhalten der Zuschauer?

Der Schweizer Film bleibt wichtig auf unseren Sendern und Plattformen. Die grossen Streaminganbieter investieren zwar dank der «Lex Netflix» in Schweizer Inhalte, bieten aber längst nicht diese Vielfalt an Schweizer Produktionen wie die SRG.

Ist eine endgültige Entscheidung bezüglich der Weiterführung des Auslandsangebotes, also die Beteiligung an 3sat, TV5Monde und den Plattformen Swissinfo und Tvsvizzera, gefallen?

Das Auslandsmandat wird halb aus der Medienabgabe, halb aus direkten Beiträgen des Bundes finanziert. Der Bundesrat hat im Rahmen des Entlastungspakets vorgeschlagen, seinen Beitrag zu streichen. Das ist aber noch nicht definitiv entschieden, der politische Prozess läuft hier noch.

Wie wird sich die SRG an die neuen Mediennutzungsgewohnheiten der Bevölkerung anpassen? Wie schreibt sich das Projekt der neuen digitalen und zentralen Plattform «PlayNext» in diesen Kontext?

Ich habe den Transformationsprozess «Enavant» erwähnt. Dieser verfolgt unter anderem genau dieses Ziel, es geht hier um mehr als um die Anpassung an den künftigen Finanzrahmen. «Enavant» heisst auf Rätoromanisch «nach vorne» und versinnbildlicht, dass die SRG sich verändern muss, um auch künftig im Alltag der Menschen relevant zu sein. Die Menschen wollen Medienangebote vermehrt zeitversetzt und digital konsumieren. Das Projekt mit dem Arbeitstitel «Play Next» hat darum strategische Priorität. Wir bauen quasi eine neue Streamingplattform. Heute sind unsere Livesendungen und Nachrichten auf Play SRF, Play RSI etc. zu finden, fiktionale Serien gibt es auf dem Portal Play Suisse. Künftig wird es eine Plattform für die gesamten Audio- und Videoinhalte der SRG geben. Ich sage hier gern als Leitgedanken; mehr Inhalt, mehr Schweiz, mehr SRG.

KI hält Einzug in die Medien, von der Empfehlung von Inhalten bis zur maschinellen Übersetzung. Welchen Platz nimmt sie in der Innovationsstrategie der SRG ein?

Der Einsatz von künstlicher Intelligenz ist nie Selbstzweck, sondern dient in allen Bereichen der Qualitätssicherung oder -steigerung. Die SRG nutzt das Potenzial von KI beispielsweise auch für die Effizienzsteigerung. Der Umgang mit KI stützt sich auf klare Regeln, Transparenz und menschliche Verantwortung; KI gibt beispielsweise der geübten Drehbuchautorin ein wertvolles, zusätzliches Arbeitsinstrument an die Hand. Originalität und Authentizität kreieren kann KI aber nicht - jedenfalls noch nicht. Die schnelle Entwicklung und die noch kommenden Herausforderungen zeigen uns zudem, dass der Transformationsprozess «Enavant SRG SSR» wichtig ist. Um diese zum Teil disruptiven Entwicklungen gut begleiten zu können, brauchen wir ein digitales Betriebsmodell, damit wir als Unternehmen in der Lage sind, mit den rasanten Entwicklungen Schritt zu halten und auf konkrete Fragestellungen zu reagieren.

Die Produktionsweisen entwickeln sich schnell. Wie passt sich die SRG an, um innovativ zu sein und effizienter zu werden? Hätten Sie ein konkretes Beispiel für eine aktuelle Entwicklung in Ihren Produktions- oder Sendepraktiken?

Aktuell kann ich auch hierzu den Eurovision Song Contest erwähnen, welchen die SRG im Mai erfolgreich auf die Bühnen gebracht hat. Das Projekt wurde wie ein Start-up in unserem Unternehmen geführt. Mir war es von Anfang an wichtig, dass wir die Innovationskraft dieses riesigen Events nutzen. Und es ist uns gelungen – gerade was innovative Produktionspraktiken betrifft – viel Fachwissen zurück in unser Unternehmen zu bringen.

Welche ist Ihre Vision als Direktorin zur Entwicklung der SRG?

Ich habe bei meinem Antritt gesagt, dass ich für eine starke SRG einstehe, für eine SRG, die auch bereit ist, sich zu hinterfragen und zu verändern. Meine Aufgabe ist es, dieses wichtige und grossartige Medienhaus neu aufzustellen und dabei das, was es ausmacht, zu bewahren. Die Welt um die SRG herum hat sich schnell und stark gewandelt. Und wir müssen uns so aufstellen, dass wir mit den Mitteln, die uns gegeben werden, nachhaltig relevant bleiben, die Menschen in ihrem Alltag begleiten können. Und so habe ich gesagt: Wir sind eine SRG für alle. Wir rücken näher zusammen. Wir machen zusammen, was wir zusammen machen können. Wir bleiben regional verankert und nah bei den Menschen. Wir bieten Geschichten in allen Landessprachen. Die SRG der Zukunft bringt die Menschen zusammen. Und dafür sind wir dort, wo unser Publikum ist. Wir werden digitaler, beweglicher, effizienter. Um heute und in Zukunft unseren Auftrag gut erfüllen zu können. Das ist nicht nur meine Vision, das leben wir jeden Tag. Die SRG bietet in vier Sprachen Inhalte, Geschichten, Informationen an. Das ist unser Kernauftrag und unsere Leidenschaft. Meine Aufgabe als Direktorin ist es, vorausschauend zu planen und auch mit veränderten Rahmenbedingungen und weniger Mitteln sicher zu stellen, dass wir unseren Auftrag bestmöglich erfüllen können. Dafür engagiere ich mich jeden Tag.

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Filmstill aus «Frieden» © SRF/Sava Hlavacek
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« Davos 1917» © SRF/Frank Dicks

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