Unter dem Titel «Your Ghosts are Mine - Expanded Cinemas, Amplified Voices» zeigt das katarische Doha Film Institute während der 60. Biennale in Venedig von April bis November von ihm kofinanzierte Filme in der italienischen Lagunenstadt. Darunter finden sich preisgekrönte Arbeiten von Regisseuren und Regisseurinnen wie Apichatpong Weerasethakul, Shirin Neshat & Shoja Azari, Deniz Gamze Ergüven, Elia Suleiman, Abderrahmane Sissako, Ali Asgari oder Davy Chou. Das ist ein guter Anlass, einen kurzen Blick hinter die Kulissen der Filmwelt der arabischen Golfmonarchie zu werfen.
Seiner Geografie entsprechend, war, und ist teilweise bis heute, der historische, ökonomische, soziale und politische Bezugsrahmen Katars nicht das Land, sondern das Wasser: der arabische/persische Golf, das Rote Meer und der Indopazifik. Was die Frage nach der Förderung von oben genannten Filmschaffenden beispielsweise aus dem Iran, Thailand und Kambodscha in Teilen beantwortet. Als das Emirat Katar am 3. September 1971 von Grossbritannien unabhängig wurde, hatte es eine Bevölkerung von knapp 135.000, die sich aus lokalen Gruppen und Stämmen, Menschen aus den Ländern rund um den Golf sowie ehemaligen Sklaven und Sklavinnen von der ostafrikanischen Küste zusammensetze.
Einzug des Kinos
1935 wurde die erste Ölkonzession vergeben, ab den 1960ern Jahren wuchs die Ökonomie erheblich und mit ihr die Einwohnerzahl. Spätestens mit den Ölfirmen kam das Kino, die katarische Filmgeschichte steht noch am Anfang. Ölfirmen waren anscheinend die ersten, die ab den 1950er Jahren Freiluftkinos einrichteten, Sportclubs zogen nach und auch in Privathäusern wurden Filme auf Zelluloid geschaut. 1959 kaufte Katar, mit einer Bevölkerung von etwas über 36.000, 73 16mm-Filme und 72 35mm-Filme in der Kinometropole Kairo (in arabischen Ländern kaufte man Kopien, man lieh nicht). Das waren mehr als die drei Maghreb Staaten Marokko, Algerien und Tunesien, mit einer Bevölkerung von 26 Millionen zusammen in Kairo erwarben. Auch wenn die Kopienzahl in den Folgejahren sank, zeigten die Einkäufe aus Katar, dass Filme zunehmend zu kommerziellen Zwecken und weniger für den, in konservativen Gesellschaften wie der katarischen bedeutenden, Hausgebrauch gedacht waren. Darüber hinaus sah und sieht man in Katar indisches Kino und Filme aus Hollywood.
Qatar Cinema, heute Qatar Cinema & Distribution Company, wurde 1970 gegründet und eröffnete zwei Jahre später das Gulf Cinema, das erste Kino der Hauptstadt Doha, sowie zehn weitere Lichtspielhäuser landesweit. In anderen Städten am Golf gab es bereits Mitte der 1930er Jahre die ersten Kinos. Das Gulf Cinema mit einer Leinwand und 972 Sitzen hat an Attraktivität verloren und soll nun, wie die «Time Out Doha» berichtete, als Teil des städtischen Kulturerbes wiederbelebt werden: Qatar Cinema & Distribution Company einigte sich mit den Qatar Museums, das ehemalige Kino in ein vollausgestattetes modernes Filmmuseum umzuwandeln, während die Kinofassade erhalten bleibt. Das Doha Film Institute soll hierbei mit seiner Expertise zur Seite stehen.
Katarische Filme
Bleibt der Elefant im Raum: katarische Filme. Einfach gesagt: Abendfüllende Filme gibt es nicht. Was aber wäre ein katarischer Film? Beziehungsweise, wann ist ein Film katarisch? Wer oder was macht die katarische Gesellschaft aus, die seit jeher sehr divers ist? Wobei nur Menschen, die vor 1930 in Katar lebten und regelmässig im Land weilen sowie deren direkten Nachfahren ein Recht auf die katarische Staatsbürgerschaft haben. (Wie) Reiht man sich in eine vom (Ethno-)Nationalismus geprägte internationale Filmkultur ein, ohne diese Idee des Nationalismus zu teilen oder zu verkörpern? Solche Fragen, bezogen auf die gesamte arabische Golfregion, werden vor Ort in der akademischen Debatte zunehmend diskutiert. Es braucht genau diese Diskurse, um katarische Filmstoffe zu entwickeln, die das Doha Film Institute mit seiner Infrastruktur unterstützen kann. Bis dahin leuchtet es mit einem seiner anderen Ziele, nämlich «der Positionierung Katars und der weiteren arabischen Region in einer führenden Rolle der internationalen Filmindustrie», wie es in den Jahresberichten des Instituts heisst.
Literaturempfehlungen
George Sadoul, «The Cinema in the Arab Countries», Interarab Center for Cinema & Television, Beirut, 1966.
Dale Hudson, Alia Yunis, «Reorienting the Middle East: Film and Digital Media Where the Persian Gulf, Arabian Sea, and Indian Ocean Meet», Indiana University Press, 2024